Kinderbulletin - Armut

Prof. Dr. Andreas Klocke

In den Sozial- und Erziehungswissenschaften ebenso wie in der Gesundheitswissenschaft wird lebhaft über die Bedeutung einzelner sozialstruktureller und soziokultureller Merkmale für die Sozialisation bzw. die Gesundheit und das Gesundheitsverhalten von Kindern und Jugendlichen diskutiert. Eine herausgehobene Stellung nimmt dabei die Armut ein. Eine familiale Armutslage hat unzweifelhaft vielfältige Auswirkungen auf die gesamte Sozialisation der Kinder und Jugendlichen. So stellten viele Gesundheitsstudien fest, dass ein klarer sozialer Gradient zwischen sozialer Lebenslage bzw. Armut und Gesundheit von Kindern und Jugendlichen vorliegt. So gut dies einerseits dokumentiert ist, so fest steht andererseits, dass nicht alle Effekte einer schlechteren Gesundheit sich ausschließlich und kausal auf eine materielle Armut zurückführen lassen. Vielen zugeschriebenen oder erworbenen Merkmalen sozialer Ungleichheit kommt eine eigenständige oder moderierende Kraft zu. Dies kann schon daraus abgeleitet werden, dass der Armutsbegriff selbst diese Konnotationen frei gibt. Der Armutsbegriff richtet sich auf Haushalte, die über nur so geringe materielle, kulturelle und soziale Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die von der Allgemeinheit als unterste Grenze des Akzeptablen angesehen wird. Zur Bestimmung dieser Grenze sind verschiedene Wege vorgeschlagen worden, die am Einkommen, der Versorgung in zentralen Lebensbereichen, dem für notwendig erachteten Lebensstandard oder politisch-normativen Vorgaben ansetzen. Es sind also keineswegs nur materielle Größen im engeren Sinne (Einkommen, Vermögen), die eine Armutslage definieren. Es sind vielmehr messtechnische Gründe, die zu einer hauptsächlichen Bezugnahme auf die Einkommenssituation führen. Armutsmaße, die auf die gesamte Lebenssituation eines Menschen Bezug nehmen, sind anspruchsvoll und entsprechend selten in der Armutsliteratur zu finden.

 

Gegenwärtig wird in Einklang mit den Vorgaben der EU ein Einkommensarmutsrisiko ausgewiesen. Entsprechend dieser Richtlinie wird deutlich, dass Kinder und Jugendliche in Deutschland überproportional häufig in Haushalten leben, die als einkommensarm einzustufen sind. Der Datenreport 2011 weist für den Dreijahreszeitraum 2007-2009 eine durchschnittliche Armutsquote von 12,3 % für die unter 10-jährigen und von 18,1% für die 11-20-jährigen aus. Die Armutsquote im Bevölkerungsdurchschnitt lag in diesem Zeitraum bei 12,6%. Damit sind insbesondere Kinder und Jugendliche (11-20-jährige) überproportional von Armut betroffen. Dies bestätigt sich auch mit Blick auf die Haushaltsformen. So weisen Familien eine Armutsquote von durchschnittlich 10,5%, Paare ohne Kinder hingegen nur eine Quote von 6,8% auf. Den höchsten Armutsanteil mit 33,6% finden wir bei Einelternhaushalten. Über die letzten zwei Jahrzehnte betrachtet ist die Armutsquote in Gesamt-Deutschland zunächst in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre zurückgegangen (von ca. 13% auf 11%), um seit Anfang der 2000er Jahre wieder kontinuierlich auf aktuell 12,6% anzusteigen. Insgesamt zeigen sich keine dramatischen Bewegungen oder Trends, aber es ist der Bundesrepublik auch nicht gelungen, die Armut, und insbesondere die Armut von Kindern und Jugendlichen, systematisch zurückzuführen.

 

Für Kinder und Jugendliche kann sich die Armut, der sozioökonomische Status ihrer Herkunftsfamilie, in mannigfaltiger Weise auf ihre soziale und gesundheitliche Entwicklung auswirken. Die Zusammenhänge von sozialer Herkunft und Entwicklungsverzögerungen, wie sie in einer Vielzahl von sozialpädiatrischen Untersuchungen nachgewiesen wurden, zeichnen das Bild einer Kumulation und Verschränkung von Benachteiligungen der Kinder aus sozial schwachen Familien. Die Entwicklung der Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland ist aber nicht allein an der zunehmenden Armut zu bemessen. Neben einer wachsenden Minderheit, die in Armutsverhältnissen aufwächst, lebt auf der anderen Seite des sozialen Spektrums eine ebenfalls wachsende Zahl der Kinder und Jugendlichen in sehr wohlhabenden Familien. Gerade im Jugendalter spielen soziale Vergleiche aber eine wichtige Rolle für die soziale Integration und Teilhabe in der Gleichaltrigengruppe. Deshalb ist es häufig die Auseinanderentwicklung der Lebensbedingungen, die deutliche Auswirkungen auf das Wohlbefinden und die Gesundheit der sozial benachteiligten Kinder und Jugendlichen hat. Um die psychosozialen Belastungen, die mit der Armut einhergehen, richtig erfassen zu können, kann auf das Belastungs-Bewältigungsparadigma der Stresstheorie Bezug genommen. Dort wird ausgeführt, dass belastende Lebensumstände zu je spezifischen Bewältigungsreaktionen führen. Eine Bewältigung von belastenden Situationen oder Lebensumständen muss nun nicht notwendigerweise in gesundheitsförderlicher Form ablaufen. Alle Bewältigungsmuster die Entspannung versprechen, zählen hierzu, also auch der Griff zur Zigarette oder ein erhöhter TV-Konsum. Die Chancen eines gesundheitsverträglichen Bewältigungshandelns steigen naturgemäß mit den zur Verfügung stehen Ressourcen und sind insofern auch sozial gefiltert. Je mehr auf tragfähiges soziales Kapital (soziale Ressourcen) zurückgegriffen werden kann und je höher die kognitiven und sozialen Kompetenzen ausgebildet sind, desto eher kann von einem langsichtigen und gesundheitskonformen Bewältigungshandeln ausgegangen werden. Armut bezeichnet in diesem Kontext belastende Lebensumstände, die in der Mehrzahl zu einem ungünstigeren Bewältigungshandeln führen. Die Bilanz lautet daher: Die Entwicklungschancen und die Gesundheit der Kinder und Jugendlichen variieren mit der Familie, in der sie aufwachsen. Es muss ein schlechteres Abschneiden der Kinder in sozial schwachen Familien gegenüber ihren Altersgleichen in Mittelschichtfamilien festgehalten werden. Dies ist kein neuer Befund, aber leider ist er immer noch gültig.