Bulletin

Ausgabe 1

Unser Unbehagen, unsere Sorge
Wir erleben gegenwärtig einen epochalen Umbruch der kindlichen Lebenswelten. Immer mehr Kinder werden in immer vielfältigeren Familienformen groß und verbringen  eine wachsende  Zeit am Tag in Kitas oder werden von Tagesmüttern betreut. Wir müssen heute eine Vielzahl an qualitativ unterschiedlichen kindlichen Lebenswelten konstatieren. Neben einem arrivierten Wohlstand ist ein erheblicher Teil der Kinder – etwa jedes fünfte bis sechste Kind, jeder fünfte bis sechste Jugendliche – von Armut bedroht. Zugleich haben sich die sozialen Lebenswelten von Familien dramatisch verändert. Im öffentlichen Raum werden kleine Kinder und ihre Eltern zu häufig abgedrängt auf öde Spielplätze; das Zuhause bildet für viele Kinder, oft aus sozial schwachen und bildungsfernen Familien, einen wenig anregenden Raum, in dem Computer, Fernseher und eine auf Kinder spezialisierte Elektronik Erkundungen und interaktives, kreatives Spiel ersetzen.

Viele Eltern und Erziehungsberechtigte haben ihre intuitive Sicherheit in der Erziehung ihrer Kinder verloren. Sie können heute zudem kaum mehr auf Vorbilder und Unterstützung durch ein Netz von Verwandten zurückgreifen. Als Ersatz dienen häufig medial geprägte Vorbilder und Tipps einer boomenden Ratgeberliteratur. Berufspädagogen wie Eltern sehen sich oft am Ende Ihrer Erziehungsmöglichkeiten und neigen dazu, Unterstützung in anderen Hilfesystemen zu suchen, wie zum Beispiel im Medizinsystem mit seiner ambulanten kinderärztlichen Versorgung. Jedoch lösen die Verortung pädagogischer Defizite in das Medizinsystem und ihre entsprechende Medikalisierung das Problem nicht: individuell verordnete Heilmittel (etwa Sprach- oder Ergotherapien) erweisen sich in der Regel als ungeeignet, Lebenssituationen von Kindern und Eltern so umzugestalten, dass starke Kinder ihre Potenziale in allen Bereichen entfalten können.

Auch die öffentlichen Bildungs- und Betreuungseinrichtungen sind derzeit qualitativ meist nicht in der Lage, familiär bedingte Anregungs- und Entwicklungsdefizite auszugleichen. Die familienunterstützenden und familienersetzenden Angebote der Kinder- und Jugendhilfe, die in der Regel nur greifen, wenn das Kindeswohl stark gefährdet ist, können ebenfalls nicht verhindern, dass eine große Zahl von Kindern in materieller und entwicklungsbezogener Armut aufwächst oder in sonstigen prekären Lebenslagen lebt. Dadurch werden Lebensperspektiven im frühen Kindesalter für viele Kinder eingeengt. Doch jedes Kind hat das Recht auf Entfaltung seiner Potenziale, unabhängig von seinem sozialen Hintergrund oder seiner Herkunft.

  • Wir sorgen uns um die Gegenwart und Zukunft eines beachtlichen Teils unserer Kinder, um die strukturelle Missachtung ihrer Bürgerrechte, die die UN-Kinderrechtskonvention festlegt.
  • Wir sorgen uns um die Qualität ihrer Lebensräume in Familien und Einrichtungen; um die Verlässlichkeit ihrer Beziehungen, um sichere Bindungsangebote und um das Anregungspotenzial, das alle Kinder erhalten sollten.
  • Wir sorgen uns um die vielen verschiedenen, aber meist unverbundenen Angebote, die unsere Gesellschaft macht; um die Versäulung unserer öffentlichen Hilfe- und Unterstützungssysteme, denen es in ihrer Spezialisierung häufig nicht gelingt, Aufgaben und Probleme über den eigenen Horizont hinaus zu erkennen und zu lösen.

Wir sorgen uns um die Gegenwart und die Zukunft eines Großteils unserer Kinder.

Lebensräume für Kinder in direkter öffentlicher Verantwortung

Der Trend, Kinder in öffentlich verantwortenden Lebensräumen zu betreuen, zu bilden und zu erziehen, wird weiter zunehmen. Diese Situation stellt unser Gemeinwesen vor drei Herausforderungen: 

  1. die quantitative Herausforderung, allen Kindern – unabhängig von ihrer sozialen Lage und ethnischen Herkunft – diese Lebensräume in ausreichender Anzahl in hinreichendem Umfang bereitzustellen;
  2. die qualitative Herausforderung, diese Bildungs-, Betreuungs- und Erziehungsräume so zu gestalten, dass Kinder alters- und entwicklungsangemessenen Schutz erfahren und dass sie Anregungen und Erfahrungsmöglichkeiten erhalten, die ihnen sichere personale Bindungen sowie altersgerechte Entwicklungen im sprachlichkognitiven wie im sozialemotionalen Bereich ermöglichen. Die Herausforderung besteht kurz gefasst darin, für Kinder die Voraussetzungen zu schaffen, die für ein selbstbestimmtes und zugleich sozialintegratives Leben in einer offenen und lebendigen Gesellschaft erforderlich sind;
  3. eine gestalterische Herausforderung, die den – gerade in Westdeutschland lange Zeit betonten –  Gegensatz von öffentlichen und familiären Lebensräumen von Kindern zugunsten einer Erziehungs- und Lebensraumpartnerschaft zwischen beiden aufhebt und so neue Sozialräume für Kinder und Familien schafft. Diese Funktionserweiterung hat auch die Aufgabe, die verschiedenen in unserem Gemeinwesen existierenden überholten Angebote zur Unterstützung von Kindern und Familien an aktuelle Erfordernisse anzupassen. Erst dies wird zu neuen strategischen Partnerschaften führen und ganzheitlich zu betrachtende Lebenssituationen von Kindern und ihren Familien überhaupt erst ermöglichen.

Wo stehen wir? Was ist gelungen? Was ist zu tun?  

1. Was gelungen ist: Deutlich mehr Plätze in Kindertageseinrichtungen!
Unsere Gesellschaft hat besonders in Westdeutschland zu viele Jahre benötigt, um die quantitative Herausforderung anzunehmen, öffentlich verantwortete Lebensräume für Bildung, Betreuung und Erziehung von Kindern vor der Schule und parallel zu ihr in hinreichendem Umfang bereitzustellen. Zum Teil bedurfte es eines Anstoßes von außen, wie bei der Einführung eines Rechtsanspruchs auf einen Kindergartenplatz, den der Gesetzgeber erst in den neunziger Jahren im Zuge der Reform des Gesetzes zum Schutz des ungeborenen Lebens verabschiedet hat. Nach der aktuellen Gesetzeslage haben seit dem 1. August 2013 auch junge Kinder im Alter von einem Jahr an diesen rechtlichen Anspruch.

In vielen Regionen steht die erforderliche Platzzahl noch nicht zur Verfügung. Eine gewisse Platzknappheit - auch was den Zuschnitt der Plätze für die Belange von Familien anbelangt - wird in den nächsten Jahre ein (regional variierendes) Phänomen bleiben. Gleichwohl wurde in einer gesamtgesellschaftlichen Anstrengung und in einem nicht immer einfachen Zusammen-wirken zwischen Kommunen, Bundesländern und Bund ein substanzieller Fortschritt erreicht. Diese Entwicklung verdient Anerkennung.

2. Was noch nicht gelungen ist: Viele Angebote weisen zu viele Qualitätsmängel auf!
Die neu geschaffenen Plätze haben mit den schon länger bestehenden Platzangeboten eines gemeinsam: Die Qualität ist bei einem großen Anteil von Plätzen unzureichend und muss dringend verbessert werden. Die dominierende Debatte um die Quantität hat die Qualitätsfrage in den Hintergrund gedrängt. Vorliegende Untersuchungen zeigen enorme Spannbreiten der Qualität, bei Kindertageseinrichtungen wie in der Kindertagespflege. Die Defizite dürfen im Interesse der nachwachsenden Generation nicht weiter hingenommen werden.

3. Was geschehen muss: Neue Strukturen rasch erproben und etablieren!
Auch ein qualitativ nachhaltig verbessertes System wird bei seiner gegenwärtig zu engen Auslegung ausschließlich auf Kinder und ohne Erweiterung auf Familien und ihren Sozialraum den erkennbaren Herausforderungen nicht gerecht werden. Die Verbindung zu den Familien als dem anderen dominierenden Lebensraum für Kinder muss unter Berücksichtigung der Familienbedürfnisse und der im Sozialraum gegebenen Unterstützungsangebote neu gestaltet werden. Nur beide zusammen - öffentlich verantworteter und familialer Lebensraum - können in enger Zusammenarbeit ein gelingendes Aufwachsen der Kinder ermöglichen. Dies setzt die Schaffung neuer Kooperationsstrukturen der bislang eher nebeneinander arbeitenden großen gesellschaftlichen Hilfesysteme (Pädagogik; Sozialwesen, Gesundheitswesen) voraus. Ziel dabei muss es sein, dass alle Beteiligten gemeinsam Hilfeangebote auf Augenhöhe entwickeln, strukturieren, organisieren und finanzieren. Wir benötigen Hilfen für die individuellen Bedürfnisse der Familien und Kinder, die deren Potentiale besser zur Entfaltung bringen können.

Fast überall in Deutschland haben sich Kinderinstitutionen auf den Weg gemacht, diesen neuen Herausforderungen gerecht zu werden und modellhaft in Familien- und Eltern-Kind-Zentren zu erproben. Kern solcher Institutionen sind Kindertageseinrichtungen, die neben der allgemeinpädagogischen ErzieherInnenkompetenz spezifische Förderkompetenzen  für Kinder und Familien aufweisen bzw. zu organisieren in der Lage sind. Unter dem gleichen Dach befinden sich Einrichtungen der sozialen Hilfesysteme, die hier niederschwellig (Mütterkaffees) den Familien mit ihren Angeboten entgegenkommen und nicht in distanzierenden Behördenkomplexen untergebracht sind. Gleichzeitig könnten in Familienzentren medizinische Spezialambulanzen wie z.B. SPZs, aber auch Einrichtungen des ÖGD untergebracht sein. Auf diese Weise wären kurze Dienst- bzw. Versorgungswege zwischen den Hilfeanbietern gewährleistet. Niedergelassene Kinder- und Jugendärzte könnten eng mit allen Einrichtungen des Familienzentrums kooperieren. Familienzentren würden zusätzlich zu ihren bisherigen Aufgaben der direkten Bildung, Betreuung und Erziehung von Kindern im Dialog mit den Familien und unter Mithilfe signifikanter Akteure des Sozialraums die Verantwortung für das einzelne Kind und sein Aufwachsen neu leben. All dies erfordert aber ein „Neues Denken“ für die Aufgabenstellung und Strukturierung der Hilfesysteme, insbesondere aber ein „weg“ von jeglicher professionszentristischer Betrachtung der Lösungswege.
Bei einem solchen Ansatz  laufen die das Kind und seine Familie unterstützenden Systeme nicht mehr abgeschottet nebeneinander her. Gemeinsam und vernetzt mit anderen Institutionen unterstützen Sie Kinder und Familien unter Beachtung der individuellen Lebens- und Erfahrungsräu-me. Ein solcher Ansatz bedarf jedoch eines qualitativ veränderten Selbstverständnisses vieler Unterstützungssysteme sowie systematischer Umsetzungsversuche im lokalen Rahmen. Wir sehen ein großes Lernfeld vor uns und fordern alle Beteiligten zu umgehenden  und nachhaltigen Initiativen auf, deren Umsetzung und Erprobung gleichermaßen durch einen fachlichen und öffentlichen Diskurs sowie durch wissenschaftliche Untersuchungen begleitet werden muss.

Konkret halten wir die Umsetzung folgender Punkte für absolut vordringlich:  

1. Qualifizierungsoffensive für Kindertageseinrichtungen und Einrichtungen der Kindertagespflege.
Wir fordern, dass künftig ein Teil der Erzieherinnen – wie in anderen Ländern längst üblich - akademisch ausgebildet wird.
Wir fordern den Aufbau eines öffentlichen Qualitätsmonitorings, das die Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität adäquat berücksichtigt: Wie müssen  Einrichtungen künftig personell und sachlich ausgestattet sein? Wie kann man eine verbesserte Qualität erfassen? Wie kann dies ganz konkret mit welchen Mitteln und bis wann erreicht werden?
Wir fordern hierzu ein auf mehrere - wenigstens auf 5 Jahre angelegtes - Programm zur Verbesserung der Qualität, das alle zentralen Akteure auf Kommunal-, Länder- und Bundesebene sowie Träger-, Ausbildungs- und Weiterbildungsebene in einer konzertierten Aktion einbindet und aktiviert.
Wir fordern – vergleichbar den Anstrengungen beim quantitativen Ausbau – eine zwischen Bund, Ländern und Kommunen abgestimmte zusätzliche finanzielle Kraftanstrengung in Milliardenhöhe, ohne die eine substanzielle und nachhaltige Qualitätsverbesserung nicht erreichbar ist.

2. Ausreichende personelle Ausstattung der Kindertagesstätten mit qualifizierten Fachkräften unter Beachtung maximal zu tolerierender Gruppengrößen.
Hier muss insbesondere den Bedürfnissen von Kleinkindern nach Schutz und engen, stabilen Beziehungen entsprochen werden.

3. Initiierung weiterer Modellprogramme etwa im Rahmen der Frühen Hilfen, die darauf abzielen, auf Dauer die Abschottung der einzelnen Versorgungsbereiche - wie etwa die Gesundheits- und die Jugendhilfe - zu überwinden. Einschlägige Initiativen zu Familienzentren, wie in manchen Bundesländern gestartet, aber auch ausländische Initiativen, wie im Rahmen des englischen Sure Start Programms, können hier als Ausgangspunkte dienen.