Jedem Kind eine Chance

Grundsatzerklärung (mission statement)

Die Ausgangssituation

Kinder sind Akteure ihres Lebens - von Anfang an. Sie sind kreativ auf dem Weg zu Selbständigkeit, Kompetenz und Verantwortungsbewusstsein. Dabei brauchen sie Unterstützung und Förderung, Erziehung und Bildung. Das ist gesetzlich in Deutschland gut verankert und wird von der UN-Kinderrechtskonvention unterstrichen. Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf Förderung ihrer Entwicklung und auf Erziehung und Bildung von Anfang an. Eltern, Gesellschaft und Staat sollen gemeinsam dazu beitragen, dass junge Menschen zu eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten werden. Sie sollen junge Menschen vor Gefahren für ihr Wohl schützen, Benachteiligungen vermeiden oder sogar abbauen. Gesellschaft und Staat sollen dazu beitragen, positive Lebensbedingungen für junge Menschen und ihre Familien sowie eine kinder- und familienfreundliche Umwelt zu erhalten und zu schaffen1.

 

Über die Ziele gibt es in Deutschland ein breites Einverständnis; bei der Umsetzung sind wir jedoch nicht hinreichend erfolgreich:

  • Millionen von Kindern werden in der Bundesrepublik in wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Hinsicht benachteiligt.
  • Diese Kinder wachsen ohne ausreichende Unterstützung und Förderung, Erziehung und Bildung auf.
  • Ihnen fehlen liebevolle Zuwendung und sichere Bindungen.
  • Sie haben häufig keinen ausreichenden Zugang zu einer guten kinder- und jugendmedizinischen Betreuung.
  • Sie werden nicht aufmerksam und zuverlässig vor Gefährdungen geschützt.
  • In bildungsfernen, sozial benachteiligten, von Armut und Ausgrenzung bedrohten und konfliktreichen familiären Lebensverhältnissen fehlen diesen Kindern nachhaltige Entwicklungsanregungen, um ihre intellektuellen und sozialen Kompetenzen zu entfalten.
  • Die jungen Menschen, die unter solchen prekären Lebensbedingungen aufwachsen müssen, werden früh in ihrer Entwicklung beeinträchtigt und manche von ihnen traumatisiert. Sie fallen daher nicht selten bereits im Kindergarten mit deutlichen Entwicklungsstörungen auf. Solche Entwicklungsstörungen belasten die jungen Menschen bis in die Jugend und die Erwachsenenzeit hinein.

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So heißt es z. B. im Sozialgesetzbuch VIII - Kinder- und Jugendhilfe, § 1:
„(1) Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit.
(2) Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.
(3) Jugendhilfe soll zur Verwirklichung des Rechts nach Absatz 1 insbesondere
1. junge Menschen in ihrer individuellen und sozialen Entwicklung fördern und dazu beitragen, Benachteiligungen zu vermeiden oder abzubauen,
2. Eltern und andere Erziehungsberechtigte bei der Erziehung beraten und unterstützen,
3. Kinder und Jugendliche vor Gefahren für ihr Wohl schützen,
4. dazu beitragen, positive Lebensbedingungen für junge Menschen und ihre Familien sowie eine kinder- und familienfreundliche Umwelt zu erhalten oder zu schaffen.“

Eltern brauchen für die Wahrnehmung ihres Erziehungsauftrags den Rückhalt der Gesellschaft. Dazu gehört ein breites Spektrum von Angeboten zur Unterstützung und Hilfe, die bereits in der Schwangerschaft und rund um die Geburt begonnen und dann weitergeführt werden müssen

Das versäulte gesundheitliche und soziale Hilfesystem, die Kindertagesstätten und Schulen vermögen es derzeit zu wenig, frühe Förder- und Entwicklungsdefizite, die im Wesentlichen sozial bedingt sind, auszugleichen. Den benachteiligten Kindern und Jugendlichen fehlen daher die ihnen zustehenden Entwicklungschancen. Damit ist das Grundrecht aller hier lebender Kinder auf bestmögliche Erziehung und Bildung, zu dem sich die Bundesrepublik durch die Ratifizierung der UN-Kinderrechtskonvention verpflichtet hat, nicht für alle gewährleistet.

Die Anzeichen für das Fehlen von Anregung, Unterstützung, Wärme und Aufmerkamkeit sind deutlich und nicht zu übersehen:

  • Trotz sinkender Kinderzahl steigt die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die auffällig werden und die dann kinder- und jugendärztlich und sozialpsychiatrisch behandelt werden, die zu Klienten sozialpädagogischer und psychologischer Institutionen werden oder deren Auffälligkeit Polizei und Justiz auf den Plan ruft.
  • Auch ist die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die zu Schulverweigerern werden, groß.
  • Etwa 70.000 Jugendliche verlassen jedes Jahr in Deutschland die Schule ohne Abschluss und finden dann - wenn überhaupt - nur über kostspielige und wenig wirksame Eingliederungsprogramme ihren Weg ins Berufsleben. Viele von ihnen sind lebenslang von Arbeitslosigkeit bedroht.
  • Vernachlässigt, ohne Anerkennung, mit erheblichen Erziehungs- und Bildungsdefiziten können diese jungen Menschen bei der Gestaltung und Weiterentwicklung unserer Gesellschaft nicht mitwirken, bleiben sie am Rande und haben keine Stimme.

Die Gefahr ist groß, dass die prekären Lebensumstände und die chronische Abhängigkeit von staatlichen Transferleistungen an die nächste Generation weitergeben werden.

Diese Kinder und Jugendlichen fehlen der Gesellschaft, dem Staat und der Wirtschaft Sie fehlen uns allen, nicht nur angesichts der absehbaren demografischen Entwicklung. Einen solchen Verlust können wir uns in einem demokratischen Gemeinwesen nicht leisten.

Prinzipiell ist unsere Leitlinie: Jedes Kind hat ein Recht auf Bildung und Teilhabe. Wir alle haben eine Verpflichtung für das Wohl jedes einzelnen Kindes zu sorgen. Wir brauchen seine Kräfte und Begabungen, seine Kreativität und sein Engagement.

Unsere Aufgabe

Wir können und wollen nicht wegsehen. Wir sagen es laut und fordern: „Jedem Kind eine Chance - Nachhaltige Entwicklungsförderung jetzt!“

Als breites Bündnis aus der Mitte der Zivilgesellschaft stellen wir uns dieser Aufgabe.
Unsere Initiative Verantwortung ist ein Bündnis von Bürgerinnen und  Bürgern, der Kinder- und Jugendmedizin, des Bildungs- und Sozialwesens, der Wissenschaft, der Medien und der Politik.

  • Die Initiative „Deutsches Kinder-Bulletin - Jeden Kind eine Chance“ führt fächerübergreifend die Erfahrung und Expertise von Praktikerinnen und Praktikern, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und von politisch Verantwortlichen in Bund, Ländern und Gemeinden zusammen, denen eine nachhaltige Entwicklungsförderung von Kindern in unserem Lande ein wichtiges Anliegen ist.
  • Die Initiative „Deutsches Kinder-Bulletin - Jedem Kind eine Chance“ greift einschlägige Erkenntnisse aus Wissenschaft und Berufspraxis auf und bündelt wichtige Studien und Berichte, die ein Licht auf die Lebensrealität, Probleme und Chancen von Kindern in Deutschland werfen.
  • Die Initiative „Deutsches Kinder-Bulletin - Jedem Kind eine Chance“ macht auf grundsätzliche und aktuelle Probleme aufmerksam, sie zeigt den dringenden Handlungsbedarf zur Förderung von Kindern und Jugendlichen auf und macht Vorschläge, was getan werden muss.

Wir alle sind in unserer persönlichen, zivilgesellschaftlichen, politischen und fachlichen Verantwortung gefordert, die Zukunftschancen aller Kinder in Deutschland jetzt zu verbessern. Wir können nicht warten.

Sich darauf zu beschränken, abstrakt nur die Verhältnisse zu beklagen, reicht nicht. Ebensowenig ist es hilfreich, die Kinder und Jugendlichen nurmehr zu pathologisieren und sie selbst für ihre Entwicklungsschwierigkeiten und -Konflikte verantwortlich zu machen.

Wir brauchen im gesamten Bildungs-, Gesundheits- und Hilfesystem einen von einengenden Fachperspektiven unabhängigen, unverstellten und vom Kind ausgehenden lösungsorientierten Blick auf die Herausforderungen des Aufwachsens von Kindern. Entwicklungsdefizite und Verhaltensstörungen, Kindesmisshandlungen und Vernachlässigungen sowie gesundheitliche Gefährdungen, Schulleistungsprobleme, Schulverweigerung und Schulabbruch, Drogenkonsum und Krimi-nalität von Kindern und Jugendlichen müssen in ihren Zusammenhängen verstanden und angegangen werden.  

Wir brauchen eine neue Kultur der Zusammenarbeit. Dazu müssen wir die unterschiedlichen fachlichen Perspektiven der verschiedenen, Kinder und Jugendliche unterstützenden Berufssysteme (z. B. der Medizin, der Sozialarbeit, Pädagogik und Rechtswissenschaft) zu einem lösungsorientierten Dialog zusammenführen, um integrierte Hilfe-, Unterstützungs- und Förderangebote stark zu machen. Vom Kinde aus gedacht, lassen sich auch im föderalen System enge fachspezifische Arbeitsansätze mit ihrer Begrenztheit die Ressortgrenzen und die Zersplitterung von Zuständigkeiten zwischen Kommunen, Ländern und Bund überwinden und in eine gelingende Kooperation überführen.

Das Programm

Die Initiative „Deutsches Kinder-Bulletin - Jedem Kind eine Chance“ stellt Fragen, identifiziert Problemlagen, macht Vorschläge zur Problemlösung und trägt diese in die Öffentlichkeit.

Die Initiative „Deutsches Kinder-Bulletin - Jedem Kind eine Chance“ bilanziert zugespitzt Fortschritte, aber auch Stagnationen oder Rückschritte, die es auf dem Weg zur Verbesserung einer nachhaltigen Entwicklungs- und Bildungsförderung von Kindern und Jugendlichen gegeben hat. Mit einem jährlichen „Kinder-Bulletin“ (einem Qualitätsreport mit richtungsweisenden Stellungnahmen und Handlungsempfehlungen zur besten Entwicklungsförderung von Kindern) soll dies öffentlich deutlich gemacht werden.

Konkret wird gefragt:

  1. Was gelang in letzter Zeit auf diesem Weg gut? Welche Erfolge können wir herausstellen? (Erfolgsgeschichten)
  2. Was gelang gar nicht oder nur schlecht? (Fehlerberichte)
  3. Welche Ziele müssen für die nächsten Jahre gesetzt werden und welche konkreten Schritte sind nötig, um diese Ziele zu erreichen?

Die Organisation

Berth, Felix, Journalist, Autor, München
Diskowski, Detlef, Referatsleiter, Minist. Bildung, Jugend und Sport, Potsdam
Fegeler, Ulrich, Dr., Pädiater, Berlin
Geilen, Willi, Dr. Pädiater, ÖGD, Berlin
Hartmann, Wolfram, Dr., Pädiater, Kreuztal bei Siegen
Jäger-Roman, Elke, Dr., Pädiaterin, Berlin
Klocke, Andreas, Prof. Dr., Soziologe, Frankfurt am Main
Ricking, Heinrich, PD Dr., Sonderpädagoge, Oldenburg
Rupprecht, Marlene, MdB, ehem. Leiterin der Kinderkommission des Deutschen Bundestages, SPD
Hans G. Schlack, Prof. em. Dr., Pädiater, Bonn
Tietze, Wolfgang, Prof. Dr., Kleinkindpädagoge, Berlin
Wiesner, Reinhard, Prof. Dr. Dr. h.c., Erziehungswissenschaftler, Psychologe, Jurist
Wolff, Reinhard, Prof. Dr., Soziologe, Berlin

Sie alle bilden die Initiative „Deutsches Kinder-Bulletin - Jedem Kind eine Chance“. Sie werden weitere Mitglieder einladen, an der Initiative mitzuwirken.

Mission Statement / Initiative Verantwortung / Fassung / Stand 29.6.2012